Entschleunigung – Teil 1 Vom Umgang mit der Zeit – Oder wie wir uns selbst einen ungesunden Takt auferlegten

Entschleunigung und unser Umgang mit der Zeit

Entschleunigung – Teil 1

Vom Umgang mit der Zeit – Oder wie wir uns selbst einen ungesunden Takt auferlegten

Warum habe ich das Bedürfnis nach Entschleunigung? Warum fühle ich mich stets gehetzt?


Betrachtet man die Geschichte der Menschheit und ihren Umgang mit der Zeit, so zeigt sich, dass Beschleunigung und das Gefühl fehlender Entschleunigung ein vom Menschen selbst geschaffenes Problem ist. Denn unser heutiger, sehr effizienzorientierter Umgang mit der Zeit war nicht immer so.

In der Zeit der Antike bis zum Hochmittelalter (300 v. Chr – 900 n. Chr) kannten die meisten Menschen erstens keine Uhr – und den Lauf der Zeit nahmen sie grundlegend anders wahr als wir heute. Die Zeit war vor allem der naturgegebene Wechsel von Tag und Nacht und zwischen den Jahreszeiten. Die Menschen erlebten die Zeit nicht als etwas Lineares, etwas Voranschreitendes, sondern betrachteten sie als einen ewigen Kreislauf, etwas Dynamisches und Rhythmisches. Die Rhythmik, also Wiederholung mit Abweichung, zeigte sich bspw. darin, dass Tage unterschiedlich lang waren, je nachdem ob Sommer oder Winter war.

Zweitens nützte Zeit dem Menschen als Signalgeber: Vermutlich gab es zu dieser Zeit 70 bis 100 Festtage pro Jahr (Sonntage nicht mitgerechnet), also etwa zwei in jeder Woche. Diese Feiertage hatten für die Menschen eine sehr konkrete Bedeutung. Sekunden, Minuten oder Tage als Zeitmaß in einem abstrakten Sinn – losgelöst von konkretem Nutzen oder Zweck – das interessierte die Bauern und ihre Familien weder, noch verstanden sie es.

Drittens war Zeit göttlich und nicht ökonomisch: Das Zeit-Denken der Kaufleute und ihre Idee Zeit mit Zinsen zu verbinden, war verpönt. Zeit existierte in dieser Epoche nicht außerhalb und neben den Menschen und ihrem Tun.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Zeit war in dieser Epoche etwas Rhythmisches, göttlich und nützlich für den Menschen sowie vollkommen frei von ökonomische Überlegungen.

In der nächsten Phase des Hochmittealters (900-1250) bis zur Industrialisierung (18. Jh) wurde Zeit nun zunehmend linear und taktisch verstanden. Die Ursprungsidee kam damals aus den Klöstern (dem heutigen Rückzugsort für Entschleunigung). Die Priester wollten die Zeit analytischer einteilen um den Ordensregeln wie Gebet, Arbeit, Lesen oder Schlaf besser nachkommen zu können.

Doch auch außerhalb der Klostermauern entstand langsam der Wunsch, die Zeit genauer fassen zu können. Die Zahl von Händlern, Handwerkern, kleinen Unternehmern und Beamten stieg beträchtlich an. Diese Berufsgruppen verloren den Bezug zum Rhythmus der Natur, den Jahreszeiten oder von hell und dunkel. So wurden schließlich die aus der Antike ungleich langen (temporalen) Stunden zu den heute bekannten gleich langen (äquinoktialen) Stunden eingeteilt.

Der Takt, also die Wiederholung ohne Abweichung, war geboren. Die Zeit diente nicht mehr dem Menschen, sondern der Mensch dient der Zeit. Zeitverschwendung wurde zunehmend als Sünde angesehen. So verkündete bspw. der Dominikaner Domenico Cavalca kategorisch: Der „Müßige, der seine Zeit verliert, der sie nicht bemisst, gleicht den Tieren und verdient es nicht, als Mensch angesehen zu werden“.

Zeit wurde außerdem zu etwas Weltlichem und ökonomisch behaftet: Stadttürme und Stadtglocken wurden zu Machtsymbolen und die Fähigkeit, seine eigene Zeitzone einzuführen, wurde als Ausdruck von Unabhängigkeit gesehen. Dies führte zu so kuriosen Begebenheiten, dass zwei Dörfer, die exakt nebeneinander lagen, unterschiedliche Zeitzonen hatten, da der eine Herrscher sich vom anderen abgrenzen wollte.

Der Zeit-Aspekt ökonomischer Handlungen, ausgerichtet am Konzept abstrakter und linearer Zeit, etablierte sich immer mehr und wurde zu eine der mentalen Grundlagen des Kapitalismus. Durch die Einführung des Takes und gleichlanger Stunden konnte nun genau festgelegt werden, wer in einem bestimmten Zeitraum wie produktiv war. Zeit ist Geld – ein Spruch der in dieser Epoche (im 16. Jahrhundert um genau zu sein) geboren wurde.

Die italienischen Bankiers setzten sich schließlich mit ihren Zinsidee durch, da durch den Takt und die Gleichmäßigkeit der Zeiterfassung nun Zeit mit Geld gekoppelt werden konnte. Wir merken uns: Zeit wurde linear und taktisch, politisch und ökonomisch aufgeladen und der Mensch hatte ihr im Sinne hoher Produktivität zu dienen.

In der Epoche der Industrialisierung (18 Jh.) wurde Zeit letztlich global vereinheitlicht: Dies war wichtig, denn wer etwa 1890 mit der Eisenbahn um den Bodensee fuhr, musste seine Uhr fünfmal umstellen. Im Oktober 1884 trafen sich Vertreter aus 25 Ländern zu internationalen Meridiankonferenz in Washington, D.C. und legten die bis heute gültige Weltzeit fest. Dadurch wurde es nun möglich auch global Handel zu treiben schließlich auch Länder gemäß ihrer Produktivität pro Zeiteinheit zu messen.

Lewis Mumford, ein bedeutender US-amerikanischen Gelehrter des 20. Jahrhunderts, nannte in seiner Kulturgeschichte der Technik nicht etwa die Dampfmaschine die Schlüsselmaschine des Industriezeitalters (sie war vor allem Teil der Beschleunigung) – sondern die Uhr, die ein industrielles, genau getaktetes und vergleichbares Wirtschaften ermöglichte.

Auch bis heute ist Zeit ein Machtinstrument. Als Putin die Krim annektierte, stellte er die Uhr zwei Stunden vor und führte die „Moskauer Zeit“ ein. Genauso stellte Kim Jong Un in Nordkorea die Uhrzeit eine halbe Stunde zurück. Kim Jong Un wollte nicht, dass sein Land dieselbe Zeit hat wie Südkorea oder Japan. Zeit hat heute also die macht- und geldbezogenen Aspekte aus dem Spätmittealter, nur im globalen Maßstab.

Was lernen wir daraus? Von einem rhythmischen, menschenorientierten Umgang mit der Zeit haben wir uns zu einem taktischen und effizienzorientierten entwickelt. Das Problem ist: Dieser taktische und auf Effizienz fokussierte Umgang läuft unserer Natur zuwider, unser Körper ist eigentlich für den Rhythmus gemacht.

Laut dem „Heart Math Institute aus Kalifornien, das sich mit der Herzfrequenzvariabilität, also der Veränderung zwischen den einzelnen Schlägen des Herzens beschäftigt, sind wir Menschen rhythmische Wesen. Nahm man früher noch an, dass eine gleichbleibende Herzfrequenz ein Zeichen guter Gesundheit ist, weiß man heute, dass eine fehlende Schwankung der Herzfrequenz ein guter Hinweis auf Erkrankungen und künftige Probleme ist. Also auch hier sehen wir, unser Innerstes folgt dem Rhythmus und nicht dem Takt.

Im zweiten Teil zum Thema Entschleunigung beleuchten wir, was die heutige VUKA Welt mit Beschleunigung zu tun hat.