Entschleunigung – Teil 3 Warum jeder Einzelne von uns und wir als Gesellschaft Stress und Beschleunigung begünstigen.

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Entschleunigung – Teil 3

Warum jeder Einzelne von uns und wir als Gesellschaft Stress und Beschleunigung begünstigen.

Nachdem wir uns im Rahmen der Blog-Trilogie zum Thema „Entschleunigung verstehen“ bereits mit unserem Umgang mit der Zeit und der VUKA Welt im Zusammenhang mit Stress beschäftigt haben, wollen wir uns im heutigen Artikel ansehen, was wir als Gesellschaft und jeder Einzelne von uns zum Leben im Fast-Forward-Modus beiträgt.

Wenn wir die gesellschaftliche Dimension betrachten, stoßen wir zwangsläufig auf das Thema Medien und der Umgang damit. Einerseits verbreiten sich Medien immer schneller: Das Ende des 19. Jahrhunderts erfundene Rundfunkgerät benötigte 38 Jahre bis zu seiner mehrheitlichen Verbreitung. Der später eingeführte Fernseher benötigte nur noch 13 Jahre, während der 50.000.000. Internetanschluss nur vier Jahre brauchte. Andererseits verbringen wir auch immer mehr Zeit mit diesen Medien. Ein Beispiel: Leitende Angestellte in den Siebzigerjahren haben jährlich 1000 Nachrichten bearbeitet. Heute, in Zeiten von E-Mail und Kurznachrichten, sind es 30.000 Botschaften im Jahr! Und die wollen erstmal abgearbeitet werden.

Zusätzlich haben wir in den nördlichen Industrienationen, gemäß dem Sozialpsychologen Robert Levine, eine beschleunigungsfreundliche und entschleunigungsfeindliche Kultur geschaffen. Während Menschen nördlich des Äquators auf Pünktlichkeit achten, sich schneller bewegen, sich häufiger gehetzt fühlen und Wartezeiten schlechter ertragen, sind Bewohner südlich des Äquators wesentlich mußeorientierter, d.h. Menschen dort haben weniger Eile, Arbeitsabläufe laufen insgesamt langsamer ab und Wartezeiten sind willkommene Phasen des Durchatmens.

Wir haben also in den westlichen Staaten zunehmend eine Gesellschaft, die immer mehr Zeit mit sich immer schneller verbreiteten Medien verbringt. Zusätzlich ist eine Kultur entstanden, in der Schnelligkeit mit Produktivität und Erfolg, Langsamkeit und Muße mit Faulheit und Misserfolg gleichgesetzt werden. 

Auf Ebene des Individuums ist im Zusammenhang mit Entschleunigung und dem Umgang mit der Zeit das Zeitgeber-Zähler-Modell beachtenswert. Wenn eine Person auf die Zeit achtet, gibt ein Taktgeber in regelmäßigen Abständen Impulse in den Zähler ein. Die Anzahl der im Zähler gesammelten Impulse definiert die subjektive Dauer, d.h. je mehr jemand an die Zeit denkt, desto mehr Impulse gehen in den Zähler ein und desto länger kommt ihm die Zeit vor.

So kommen einem 20 Minuten Wartezeit beim Arzt ohne Ablenkung sehr lange vor, mit spannendem Roman in der Hand und somit vielen Impulsen für das Gehirn jedoch sehr kurzweilig. Da zugegebenermaßen die Mehrheit von uns sehr wenig über die Zeit selbst nachdenkt und Phasen des Nichtstun hat, gehen kaum Impulse in den Zähler ein, wir fühlen uns gehetzt und die Zeit vergeht wie im Flug. Gemäß dem Motto „Schon wieder 18 Uhr, wo ist die Zeit nur hin?“.

Wir sehen also, unser ständige Drang etwas zu tun, zu leisten, ist im Sinne des Vorankommens sehr lobenswert, jedoch im Rahmen des Gefühls der Gehetztheit und dem Entstehen von Stress eher kontraproduktiv. Bei der nächsten Bahnfahrt also mal nicht im Facebook Stream scrollen oder ein Buch lesen, sondern diese auch mal wieder bewusst wahrnehmen.

Es gibt  somit sowohl auf gesellschaftlicher Ebene als auch bei jedem Einzelnen Faktoren, die zum Gefühl der Beschleunigung beitragen. Individuell kann man viel machen, bspw. das wissenschaftlich fundierte und evaluierte Stressresistenztraining von Sebastian Pflügler buchen, sich bewusst Auszeiten nehmen oder mal wieder Phasen des Nichtstun genießen.

Aus meiner Sicht muss jedoch auch wieder ein gesellschaftlicher Diskurs stattfinden. Dieser sollte sich weniger mit der Frage beschäftigen „Wie werden wir in Zukunft leben?“ (wie das in der Diskussion zu neuen Innovationen oder der VUKA Welt viel zu häufig der Fall ist), sondern „Wie wollen wir in Zukunft leben?“. Denn nur dann werden wir und jeder Einzelne von uns wieder die Schöpfer unseres Lebens werden, um nicht zunehmend erschöpft von unserem Leben sein.

Gerne lade ich Sie ein mir zu schreiben, wie wir in Zukunft leben sollen. Wie sieht Ihre Vorstellung einer lebenswerten, gelassenen und gesunden Gesellschaft der Zukunft aus? Ich freue mich auf Ihr Feedback.

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